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Denen, die schreiben

Wer die Absicht hat, ein Buch zu schreiben, der tut nach meiner Ansicht gut daran, über jene Sache, die er behandeln will, verschiedentlich nachzudenken. Er tut auch nicht schlecht daran, wenn er, soweit möglich, in Erfahrung bringt, was zuvor andere über dieselbe Sache geschrieben haben. ... Hat er dies in aller Stille getan, ... dann schreibe er frischweg sein Buch, wie der Vogel sein Lied singt - falls jemand Nutzen oder Freude davon hat, umso besser; dann gebe er es sorglos und unbekümmert heraus,....ohne jede Wichtigkeit...

"Vorwort - Begriff Angst"



Existieren

"Existieren" ist ohne Leidenschaft unmöglich, wofern man darunter nicht ein Dahinleben versteht. Deswegen war auch jeder griechische Denker in seinem Wesen ein leidenschaftlicher Denker. Des öfteren habe ich darüber nachgedacht, wie man einen Menschen in Leidenschaft versetzen könne. So habe ich mir gedacht, wenn ich ihn auf ein Pferd zu sitzen bekäme, das Tier dann scheu machte und in wildestem Galopp dahinjagen ließe, - oder noch besser (um die Leidenschaft recht zum Vorschein kommen zu lassen):wenn ich einen Mann bekommen könnte, der so rasch wie möglich an einen Ort gelangen wollte, also schon von vorneherein etwas in Leidenschaft wäre und sich dann auf ein Pferd setzen würde, das kaum gehen könnte. So verhält es sich mit dem Existieren, wenn man sich dessen bewusst sein soll.

Oder wenn man einem Fuhrmann, der anders nicht in Leidenschaft zu bringen ist, einen Pegasus und zugleich eine Schindmähre vor den Wagen spannte und ihm dann sagte: "Fahre nun los", dann, meine ich, sollte es doch glücken. So verhält es sich mit dem Existieren, wenn man sich dessen bewusst werden soll. Die Ewigkeit ist unendlich geschwind gleich jenem beschwingten Renner; aber die Zeitlichkeit ist ein alter Klepper, und der Existierende ist der Fuhrmann, - wofern Existieren nicht das ist, was man sonst auch ein Dahinleben nennt. Der Dahinlebende ist kein Fuhrmann, sondern ein betrunkener Bauer, der im Wagen liegt und schläft und die Pferde sich selbst überlässt. Gewiß, auch so einer fährt, auch er ist ein Kutscher, und so gibt es vielleicht manchen, der -auch existiert!


"Nachschrift"



Lehre und Lächerlichkeit

Wer Lehrer im Existenziellen sein soll, muß selber immer das Zeichen davon an sich tragen, dass er sich jenem ausgesetzt hat, was in der allgemeinen Ansicht die größte Gefahr darstellt.

Als das Christliche mit den unmittelbaren Leidenschaften stritt, als die Fleischeslust und alles, was dazu gehört, für die Menschen die größte Gefahr war, weil es ihnen das Höchste war, - da musste der Lehrer durch Ehelosigkeit und auf andere Weise zeigen, dass er der Lehrer war.

In der Zeit des Verstandes ist von allen Gefahren "Lächerlichkeit" die am meisten gefürchtete. Alles andere kann ein Mensch heutzutage leichter ertragen, aber lächerlich gemacht werden und täglicher Lächerlichkeit preisgegeben zu werden, - vor dieser Gefahr schaudern die Menschen mehr als vor dem martervollsten Tode zurück, und nur in einer Art von unsinniger oder dämonischer Beziehung zum Schrecken sagen sie von einem, der in solche Gefahr kommt. "das ist nichts", und gerade das gehört mit zur Marter.

Also das ist die Gefahr, und eben deswegen muß in unserer Zeit der Lehrer davon gezeichnet sein, dass er in dieser Gefahr versucht ist


"Tagebuch"