Annemarie Pieper: Sören Kierkegaard.

 

Ihren Höhepunkt hatte die Phase der philosophisch produktiven Aneignung des Denkens von Søren Kierkegaard in Deutschland in den 50er- und 60er-Jahren als der Existenzialismus die intellektuelle Szene beherrschte. Inzwischen hat sich die seit dem ersten Weltkrieg anhaltende Begeisterung für Kierkegaard gelegt, und die Rezeption hat sich auf Untersuchungen von akademischem Zuschnitt zurückgezogen, -- der Zugewinn an historischer Einsicht ist ein sicheres Zeichen für das Nachlassen eines genuin philosophischen Interesses.

Nun legt die in Basel lehrende Philosophin Annemarie Pieper eine Einführung in das Werk des Begründers der Existenzphilosophie vor. Sie folgt dabei einem klassischen Muster dieser Gattung, indem sie ihr Buch in drei Hauptteile -- Leben, Werk und Wirkung -- gliedert. Nach einem angemessen knappen biografischen Überblick widmet sich Pieper im Hauptteil ihrer Monographie Kierkegaards Werk. Ausgangspunkt ihrer Darstellung ist Kierkegaards Verhältnis zu Sokrates. Der Lehrer Platos musste das Interesse des Hegel-Kritikers Kierkegaard erwecken, da er wie dieser selbst sein Denken nicht nur als theoretische Mitteilung verstehen wollte, sondern als Einübung in eine irreduzibel individuelle Lebensform. Diese Zusammenhänge werden von Pieper textnah und gut nachvollziehbar entwickelt. Von da aus präsentiert sie das Kernstück der kierkegaardschen Philosophie, nämlich die Lehre von den drei Lebensformen und den ihnen entsprechenden Selbst-Verfehlungen. Ohne sich in Details der Forschung zu verlieren zeichnet Pieper einen Kierkegaard, der von der Frage besessen war, wie er im Durchlauf durch die verschiedensten, parodistisch erprobten Existenzweisen sein eigenes Ideal einer Existenz im Geiste des Christentums erreichen konnte. Im Schlussteil ihrer Monographie geht die Autorin auf die Wirkungsgeschichte ein, wobei die Rezeption durch die Existenzphilosophie des 20. Jahrhunderts im Mittelpunkt der Darstellung liegt.

 

So liegt dem Leser mit Annemarie Piepers Buch eine nützliche Einführung in Kierkegaards Philosophie vor. Sie besticht durch die Nüchternheit ihrer Darstellung und macht nicht zuletzt aufgrund ihrer klaren und unprätentiösen Sprache auf das Studium der Originaltexte neugierig. Mehr kann man von einer Einführung kaum erwarten.