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Gegen Halbheit

Unzweifelhaft besser als die gleichgültige Beibehaltung des Christennamens und zugleich ein Zeichen von echtem Leben wäre es, wenn in unserer Zeit ein paar Menschen sich selber offen eingestehen wollten, daß es ihnen lieber wäre, das Christentum wäre überhaupt nicht in die Welt gekommen oder sie selber wären keine Christen geworden. Doch muß dieses Bekenntnis ohne Hohn, ohne Spott und ohne Zorn abgelegt werden. Wozu sollte das auch frommen? Vor etwas, was man nicht in sich selber hineinzuzwingen vermag, kann man recht gut Ehrfurcht haben. Christus selber sagt, er habe Gefallen an dem Jüngling gefunden, der sich gleichwohl nicht entschließen konnte, sein Hab und Gut den Armen zu geben. Ein Christ wurde der junge Mann nicht, und trotzdem fand Christus Gefallen an ihm. Also lieber Aufrichtigkeit als Halbheit.

Das Christentum ist nämlich eine herrliche Anschauung, in der man sterben kann; es ist der einzige wahre Trost, und der Augenblick des Todes ist die dem Christentum gemäßeste Lage. Vielleicht will deshalb selbst der Gleichgültige das Christentum nicht aufgeben. Vielmehr, so wie man in eine Sterbekasse einzahlt, um hernach die Unkosten bestreiten zu können, verwahrt man sich das Christentum bis zuletzt auf: Christ ist man, und trotzdem wird man es erst im Augenblick des Todes.


"Erbauliche Reden"



Entweder-Oder

Entweder-Oder ist das Wort, vor dem die Flügeltüren aufspringen und sich die Ideale zeigen: - welch holdseliger Anblick! Entweder-Oder ist das Zeichen, das uns den Zugang zum Unbedingten erschließt: - Gott sei gelobt! Ja, Entweder-Oder ist er Schlüssel zu Himmel.

Was ist, was war und was bleibt dagegen das Unglück des Menschen? Dieses "bis zu einem gewissen Grade", das vom Satan, von der Erbärmlichkeit oder der feigen Klugheit stammt und - auf das Christentum angewandt - dieses zu einem Geschwätz verwandelt!

Nein-: entweder- oder!! Wie herzlich sich Schauspieler und Schauspielerin auf den Brettern auch umarmen und herzen mögen, so bleibt es doch nur ein Theatralisches Einvernehmen, eine Theaterehe: - ebenso ist das "nur bis zu einem gewissen Grade" etwas Theatralisches gegenüber dem Unbedingten und greift nach der Einbildung. Nur Entweder-Oder ist die Umarmung, mit der du das Unbedingt umschließt.


"Augenblick Nr. 1"



Coincidentia oppositorum

Das macht überhaupt in allem Menschlichen die Unvollkommenheit aus, daß einem erst durch den Gegensatz das Erstrebte zu eigen wird. Nicht will ich von der Mannigfaltigkeit der Formen sprechen, die dem Psychologen genug zu schaffen machen kann: der Melancholiker hat meist eine starke Neigung zum Komischen, der genusssüchtige Mann ist oft der größte Liebhaber des Idyllischen, der Ausschweifende ist oft der größte Moralist, und der Zweifler oft der religiöste Mensch; - nur daran möchte ich erinnern, dass wir erst durch die Sünde die Seligkeit schauen.

"Entweder-Oder"